Eltern schreiben ihren Kindern weniger vor

Konflikte in der Öffentlichkeit

"Eltern schreiben ihren Kindern weniger vor"

Ein Interview von 

Ein Restaurant auf Rügen erklärt sich abends zur kinderfreien Zone. Wird unser Land kinderfeindlicher? Im Gegenteil, sagt eine Psychologin - und verrät, was Kinder für eine gute Erziehung brauchen.

"Restaurant sperrt Kinder aus" und "Kinder müssen draußen bleiben", titelten Medien bundesweit, nachdem ein Lokal auf Rügen in dieser Woche eine umstrittene Entscheidung getroffen hatte: Der Besitzer von Oma's Küche und Quartier möchte ab 17 Uhr abends keine Kinder unter 14 Jahren mehr in sein Restaurant lassen.

Für die Maßnahme bekam Rudolf Markl, 65, gleichzeitig Lob und heftige Kritik. Im Interview mit dem SPIEGEL verteidigte er den Schritt. "Vor allem die Eltern sind mit der Zeit immer ignoranter geworden", sagte er. "Manche geben ihre Verantwortung an unserer Tür ab." Ist das wirklich so? Und woran liegt das? Eine Psychologin erklärt, was dahintersteht.

SPIEGEL ONLINE: In einem Restaurant auf Rügen sind Kinder fortan abends unerwünscht, weil einige an Tischdecken gezogen und mit Essen geworfen hatten. Ist unsere Gesellschaft Kindern gegenüber intoleranter geworden?

Hannover: Im Gegenteil, die Toleranz hat zugenommen. Wir verlangen von Kindern seltener, dass sie sich anpassen. Früher saßen Erwachsene am Tisch und unterhielten sich, und Kinder hatten still zu sein. Heute ist es akzeptierter, wenn alle eher das machen, was Ausdruck ihres innersten Ichs ist. Zum Beispiel wenn sie öffentlich in Tränen ausbrechen oder laut werden. Wir müssen uns weniger in bestimmte Rollen einfügen.

SPIEGEL ONLINE: Woran liegt das?

Hannover: Weltweit gibt es einen Trend zur Individualisierung, der an den Lebensstandard gekoppelt ist. Wenn Menschen materiell unabhängiger und mobiler werden, können sie es sich eher leisten, ihre eigenen Wege zu gehen und selbst zu entscheiden, wo und wie sie leben möchten. Das wirkt sich auch auf die Erziehung aus. So wollen heute viele Eltern ihren Kindern weniger vorschreiben. Vielmehr sollen die Kinder selbstständig werden, indem sie in jeder Situation das tun, was ihnen richtig erscheint - und daraus lernen. Das macht das Miteinander natürlich manchmal schwierig.

SPIEGEL ONLINE: Es wird den Deutschen oft unterstellt, dass sie viel weniger kinderfreundlich seien als zum Beispiel Italiener oder Asiaten. Stimmt das?

Hannover: Wenn Kinder woanders unterschiedlich aufwachsen, gibt es dafür viele Gründe. Sind sie vielleicht abends länger wach, weil das Klima wärmer ist? Sind Mütter häufiger berufstätig? Wird das Kind in der Familie oder in einer Kita betreut? Mit der vermeintlichen Natur des Deutschen oder des Italieners hat all das nichts zu tun. Es hängt auch nicht vom Land ab, ob Kinder glücklich aufwachsen. Sie brauchen für eine gute Erziehung vornehmlich zwei Dinge: Wärme und Lenkung.

SPIEGEL ONLINE: Warum scheinen viele Eltern so wenig aufnahmebereit, wenn man sie darauf anspricht, dass ihre Kinder sich danebenbenehmen?

Hannover: Wir erleben auch in den Schulen oft Mütter und Väter, die abwehrend reagieren, wenn Lehrkräfte sie darauf hinweisen, dass ihr Kind sich schlecht in die Klassengemeinschaft einfügt. Das liegt zum einen an dem Wunsch der Eltern, dass jedes Kind seine Persönlichkeit ausleben kann. Zum anderen hat es etwas damit zu tun, dass die Eltern selbst individualistischer erzogen wurden. Wir hinterfragen heute schneller die Kompetenz und Autorität, die mit bestimmten Rollen einhergehen, zum Beispiel mit der einer Lehrkraft. Das führt nicht nur an Schulen zu Konflikten.

SPIEGEL ONLINE: Ist ein Kinderverbot im Restaurant also der richtige Weg, um Gästen eine Verschnaufpause von all den kleinen Egomanen zu verschaffen?

Hannover: Nein, es ist eine Niederlage, mit der man eingesteht, dass man mit einer Situation nicht besser zurechtgekommen ist. Kinderfreie Zonen können keine Lösung sein. Es kann ja auch nicht sein, dass ein Kind, das sich nicht anpasst, nicht mehr zur Schule darf.

SPIEGEL ONLINE: Was soll ein genervter Restaurantbesitzer dann tun?

Hannover: Er sollte von vornherein klare Regeln definieren, anhand derer das Miteinander trainiert werden kann, zum Beispiel kein Fangenspielen zwischen den Tischen. Ich finde es auch in Ordnung, wenn jemand sich spezialisiert und ein Lokal gezielt für Menschen betreibt, die Ruhe und Zweisamkeit suchen. Dann bleiben automatisch diejenigen draußen, die sich davon nicht angesprochen fühlen. Eine positive Ansprache funktioniert immer besser als ein Verbot.