1. FC Köln - Liebe in Zeiten des Niedergangs

Liebe in Zeiten des Niedergangs
 

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Noch drei Spiele, acht Punkte Rückstand auf den Relegationsplatz: Der 1. FC Köln wird wohl absteigen. Doch im Gegensatz zu früheren Abstiegen überschütten die Fans die Spieler mit Zuneigung. Das hat einen Grund.

Selbstverständlich wurden die 45.000 Kölner im Müngersdorfer-Stadion umgehend mit einem Stück aus dem Repertoire der großen Karnevalsklassiker aufgefangen, als der sechste Abstieg ihres Herzensklubs aus der Bundesliga so gut wie fest stand. Die melancholische Melodie von "Mer sind eins" der Gruppe Kasalla war eine schöne Begleitung zu den Tränen, die Spielern und vielen Leuten im Publikum in den Augen standen. Der Song war eine geniale Wahl, denn erstaunlicherweise tat sich trotz des schmerzlichen 2:2 gegen Schalke 04 kein Riss auf zwischen diesem erfolglosen Tabellenletzten und seinen Anhängern: "Mer sin eins."

Schwer angefasst berichtete Timo Horn etwas später, wie er und seine Kollegen nach dem Abpfiff gefeiert worden waren. "Dass ein Fast-Absteiger in die Kurve geht und das Publikum applaudiert, ist schon emotional", sagte der Torhüter mit brüchiger Stimme. "So was gibt es nur in Köln." Wobei diese Reaktion auf einen Abstieg, der aufgrund der acht Punkte Rückstand zum SC Freiburg nur noch durch ein Fußballwunder von welthistorischer Dimension verhindert werden kann, gerade in dieser Stadt eher verwundert.

Als die Kölner vor sechs Jahren abgestiegen waren, gab es Ausschreitungen, viele Zuschauer ließen ihrer Wut freien Lauf, das Stadion versank in einer stinkenden Wolke schwarzen Rauchs, und die Spieler mussten in die Kabine flüchten.

Diesmal ist der Absturz noch viel tiefer, vor einem Jahr feierten die Menschen auf dem Gipfel der Euphorie die Rückkehr in den Europapokal nach 25 Jahren. Sie liebten ihren Trainer Peter Stöger, ihren Manager Jörg Schmadtke, sie träumten davon, dauerhaft in den Kreis der deutschen Spitzenklubs zurückzukehren. Nun kehren sie wohl in die zweite Liga zurück, und die Leute sind trotzdem voller Zuneigung für diese Mannschaft. "Da bin ich extrem dankbar für, da fällt mir ein Stein vom Herzen", sagte Marcel Risse.

"Die Jungs haben Fehler gemacht, aber sie haben Herz"

Es liegt wohl am Wesen dieser Mannschaft, dass die Spieler auch in den langen Wochen des Versagens kaum Sympathien verloren. Im Gegensatz zu früheren Abstiegen haben die Kölner gesehen, dass dieses Team zwar vor allem in der Offensive fußballerisch limitiert ist, dass es taktisch mitunter naiv agiert. Aber man kann ihm moralisch kaum etwas vorwerfen.

Diese Profis haben sich nicht nur gegen Schalke mit großer Hingabe gewehrt. "Ich zolle der Mannschaft einen Riesenrespekt, die Jungs haben Fehler gemacht, aber sie haben Herz", sagte Trainer Stefan Ruthenbeck, nachdem der Tabellenletzte ein 0:2 in ein 2:2 verwandelt hatte. In der Schlussphase lag eine verzweifelte Hoffnung auf das glückliche Siegtor über Köln-Müngersdorf. Mit einem Erfolg wäre das Duell beim SC Freiburg am kommenden Wochenende noch einmal richtig spannend geworden für die Rheinländer.

Und es gibt weitere Gründe für das harmonische Verhältnis zwischen Spielern und Anhang, die unterhaltsame Spielweise Ruthenbecks zum Beispiel. Der Trainer hat in dieser viel kritisierten Gegen-den-Ball-Liga mit ihrem zahllosen unansehnlichen Spielen immer wieder sehr viel riskiert für einen Tabellenletzten.

Timo Horn, Dominique Heintz und Jonas Hector stehen vor Abschied

Vor allem aber ist die Liebe zwischen den Fans, dem Verein und diesen Spielern, die während der Erfolgsjahre wuchs, noch längst nicht erloschen. "Viele in der Truppe hängen wirklich mit dem Herzen am Verein und die Fans sehen wie aufopferungsvoll die Jungs kämpfen", sagte Horn, der den Klub ähnlich wie Dominique Heintz oder Jonas Hector wahrscheinlich verlassen wird. Sehr schweren Herzens.

Deshalb werden in den bevorstehenden Abschiedswochen vermutlich noch einige Tränen mehr fließen, und es ist nicht einmal ausgeschlossen, dass es auch unschöne Szenen geben wird. Als die Mannschaft nach 24 komplett chancenlosen Minuten 0:2 zurücklag, brüllte ein Teil der Südkurve "Vorstand raus", die Stimmung drohte zu kippen. Dem Gremium um Präsident Werner Spinner wird vorgeworfen, die Dynamik des internen Zerfalls nicht effizient bekämpft zu haben, die nach vollbrachter Europapokalqualifikation einsetzte.

Und die Ultras, die immer wieder Verabredungen gebrochen haben, liegen grundsätzlich mit der Klubführung im Clinch. Aber das Aufbäumen der Mannschaft ließ diese Kritiker verstummen, sodass an diesem Tag friedfertige Gefühle wie Trauer, Melancholie und Zusammenhalt das Gesamtbild bestimmten. Der Klub hat sich in den vergangenen sechs Jahren seit dem letzten Abstieg entwickelt, selbst wenn die Mannschaft zerfallen sollte: Der FC ist nicht mehr dieser heillos zerstrittene Chaos-Verein mit Schuldenberg, der er vor sechs Jahren war.