FHs - Nie mehr zweite Liga

Nie mehr zweite Liga

Von Friedmann, Jan

Fachhochschulen treten aus dem Schatten der Unis hervor. Jetzt wollen sie auch noch das Recht bekommen, Doktortitel zu verleihen.

Donnerstag, 20. März, in Düsseldorf, 10 Uhr morgens: Das Verwaltungsgericht eröffnet seine Verhandlung über den Doktortitel der ehemaligen Bundesbildungsministerin Annette Schavan (CDU). Es kommt wenige Stunden später zu dem Entschluss, dass die Universität Düsseldorf der Politikerin den Titel zu Recht entzogen hat - wegen Plagiats.

Donnerstag, 20. März, in Düsseldorf, 10 Uhr morgens: Die Landesrektorenkonferenz der Fachhochschulen in Nordrhein-Westfalen lädt zu einer Pressekonferenz. Sie stellt einen kühnen Plan vor: Die Fachhochschulen (FH) wollen ein eigenes Graduiertenkolleg gründen, das künftig den Doktorgrad verleihen darf.

Es ist Zufall, dass die beiden Termine zusammenfielen - viel beachtet und dramatisch der eine, weitgehend ignoriert von der Öffentlichkeit der andere. Und doch passen sie zueinander, denn sie stehen beide stellvertretend für eine bildungspolitische Revolution: Während der Ruf der Universitäten leidet und dort der Sinn von Promotionen hinterfragt wird, werden Fachhochschulen immer erfolgreicher und reklamieren Privilegien für sich, die bisher den Universitäten vorbehalten waren.

Jahrzehntelang standen die FH im Schatten der Unis. Sie entwickelten sich nach dem Zweiten Weltkrieg aus mittleren Bildungseinrichtungen wie den Ingenieurschulen und galten lange als Ersatz-Unis für die Kinder von Kaufleuten und Gewerbetreibenden, denen die altehrwürdigen Bildungseinrichtungen zu elitär waren.

Doch die Standesunterschiede verschwanden immer mehr: Die Fachhochschulen stiegen aus der zweiten Liga auf - und wollen dorthin auch nicht mehr zurück. Nachteile beim Einstieg in den Öffentlichen Dienst oder in die Beamtenlaufbahn wurden beseitigt, Uni- und FH-Abschlüsse sind mittlerweile formal gleichwertig. Das "FH" in Klammern hinter der Berufsbezeichnung ist verschwunden, Absolventen hatten es als diskriminierend empfunden. Auch das trug dazu bei, dass sich die Zahl der Fachhochschüler in den vergangenen zehn Jahren mehr als verdoppelt hat.

Vielen Abiturienten gefällt, dass die Fachhochschulen eben nicht in erster Linie für eine wissenschaftliche Laufbahn ausbilden - sondern für die Praxis. Der Schwerpunkt liegt auf anwendungsbezogenem Wissen, es überwiegen wirtschaftsnahe Fächer wie Elektrotechnik oder Ernährungswissenschaften. Für die FH-Professoren ist die Lehre die Kernaufgabe, während nicht wenige Uni-Professoren Seminare und Übungen immer noch als lästigen Ausflug aus dem Labor oder dem Studierzimmer empfinden. Denn über die Reputation als Uni-Professor entscheiden die eigenen Forschungsergebnisse, am besten belegt durch Publikationen in international renommierten Fachjournalen.

Den Fachhochschülern kommt auch zugute, dass viele ihrer Bildungseinrichtungen in der Provinz beheimatet sind. Zwar mögen Furtwangen oder Deggendorf nicht die glamourösesten Studienorte sein, dafür ist der Weg in den Arbeitsmarkt häufig kürzer als in hippen Großstädten, wo viele Absolventen um Jobs konkurrieren. Kooperationen zwischen Fachhochschulen und Unternehmen gehören zum Konzept und führen häufig direkt zur Stelle.

Tatsächlich bewies die "Studentenspiegel"-Umfrage des SPIEGEL vor einigen Jahren, dass FH-Absolventen quer durch fast alle Fachbereiche schneller eine Vollzeitstelle finden als ihre Kommilitonen von der Uni. Personalchefs und örtliche Industrie- und Handelskammern singen das Loblieb auf die solide ausgebildeten FH-Studenten aus der Region.

Die Fachhochschulen werden also schon jetzt sehr geschätzt, sie sind auf dem besten Wege, die Unis als Karriereturbo abzulösen - was hätten sie eigentlich davon, Doktortitel zu verleihen? Gibt es nicht schon genügend Promovierte da draußen?

Inzwischen schließen jedes Jahr über 25000 Akademiker ihre Promotion ab. Experten warnen schon seit Jahren vor einer Doktoren-Inflation, also einem Zustand, in dem der Titel auf dem Arbeitsmarkt und als Ausweis wissenschaftlicher Solidität an Wert verliert. Die aufsehenerregenden Plagiatsfälle förderten außerdem zutage, dass bei der Qualitätskontrolle von Doktorarbeiten einiges im Argen liegt: Viele Betreuer nehmen sich - wohl auch wegen der schieren Menge der Arbeiten - offenbar zu wenig Zeit, um gründlich zu lesen und zu bewerten.

Den klassischen Universitäten gefällt es gar nicht, dass die FH nun auch das Recht beanspruchen, Doktortitel zu vergeben. Sie fürchten um ein Alleinstellungsmerkmal, welches sie bisher von den Fachhochschulen, aber auch von außeruniversitären Einrichtungen wie dem Max-Planck- oder Fraunhofer-Institut unterscheidet.

"Ein Promotionsrecht für Fachhochschulen entwertet die Promotion", sagt Hans Jürgen Prömel, Präsident der TU Darmstadt und Vorsitzender der Vereinigung der Technischen Universitäten TU9. Eine entsprechende Reform würde "zu einer Nivellierung der Hochschularten, einer Verwischung ihrer unterschiedlichen Aufgaben in Ausbildung und Wissenschaft und damit zu einer Schwächung des deutschen Wissenschaftssystems insgesamt führen", sagt auch Bernhard Kempen, Präsident des Deutschen Hochschulverbands, der die Uni-Professoren repräsentiert.

Die Vertreter der Fachhochschulen ärgern sich über das Standesbewusstsein der Uni-Kollegen. In Gremien wie der Hochschulrektorenkonferenz geraten die beiden Fraktionen regelmäßig aneinander, wobei FH-Repräsentanten die Uni-Lobby gern als Besitzstandswahrer hinstellen. Er erwarte, dass "die Unterschiede zwischen Universitäten und Fachhochschulen sich weiter auflösen", sagt der Präsident der Hochschule RheinMain, Detlev Reymann.

Dabei könnte das Recht, Doktortitel zu vergeben, negative Auswirkungen auf den FH-Alltag haben. Nehmen die Fachhochschulen die Aufgabe ernst, wird sie das künftig viel Zeit und Kraft kosten, die dann für Lehre und Praxisnähe fehlen. Das wäre ein hoher Preis, zumal der Doktortitel durch Masse und Qualitätsmängel in der freien Wirtschaft längst an Strahlkraft verloren hat.

Auch in den Chefetagen der Dax-Unternehmen scheint sich etwas zu bewegen. Früher galt ein FH-Studium nur in Verbindung mit einem karriereträchtigen Dipl.-Ing. als schicklich. Doch neuerdings findet sich unter den Dax-Vorstandsvorsitzenden der Siemens-Chef Joe Kaeser. Er studierte Betriebswirtschaftslehre, bevor er in den Großkonzern einstieg, dort zum Finanzvorstand und schließlich zum Vorstandsvorsitzenden aufrückte. Im Lebenslauf des Zahlenfachmanns Kaeser findet sich keine Großbank und keine wohlklingende Elite-Universität. Stattdessen als Studienort: Fachhochschule Regensburg.