Business Intelligence statt Manager-Intelligenz
Den jetzigen Boom verdanken die Anbieter der wirtschaftlichen Flaute
Von Hermann Gfaller
ZDNet
18. Februar 2003, 10:22 Uhr
Die Meta Group schreibt am Thema vorbei, wenn sie in einer aktuellen Studie behauptet, dass Business Intelligence hier zu Lande in aller Stille gereift sei. Tatsächlich ist lediglich der Erfolg in Stille gereift. Haarspalterei? Nein, denn wenn die IT-Branche um Erfolge kein Riesentamtam macht, hat das immer einen guten Grund. In diesem Fall sollen sowohl Misserfolge als auch rechtlich bedenkliche Entwicklungen verschwiegen werden.
Zuerst zu den Misserfolgen: Bei Business Intelligence geht es darum, der Führungsriege einer Firma Informationen zur Verfügung zu stellen, auf deren Grundlage sie Geschäftsentscheidungen fällen kann. Dafür müssen Daten in einer Weise aufbereitet werden, die Manager verstehen. Diese Art der technischen Management-Unterstützung scheiterte bereits in den 80er Jahren, damals unter dem Schlagwort Management Information System (MIS). Es gelang einfach nicht und es ist auch heute noch schwierig Daten aus unterschiedlichen Bereichen oder Filialen in vergleichbarer Weise (gleiche Formate, gleicher Zeitpunkt etc.) in einer erträglichen Zeit zu liefern. Übrig blieben aus dieser Zeit die so genannten Reporting Tools. Diese Programme liefern zumindest für einzelne Bereiche die nötigen Eckdaten meist in Listenform. Allerdings etablierten sich in den 90er Jahren Unternehmen wie Cognos und Business Objects, die solche Funktionen mit Analyse-Werkzeugen und grafischen Oberflächen benutzbar und aussagefähig machten.
Weitere Versuche unternehmensweit Daten zu konsolidieren scheiterten. Einzig SAS Institute bot eine Umgebung, die alle in ihr erzeugten Daten konsolidierte und für das Management aufbereitete. Ende der 90er Jahre kam dann doch noch ein Hype, der sich langfristig als erfolgreich herausstellte: Data Warehousing. Das von den Datenbank-Anbietern getriebene Konzept beruhte im Kern darauf, die für die Analyse wichtigen Rohinformationen in eine zusätzliche Datenbank zu kopieren, dort zu konsolidieren und dann mit Hilfe von Werkzeugen auszuwerten, wie sie Cognos und Business Objects liefern. Diese bislang eher im Stillen agierenden Firmen erlebten, quasi als Abfallprodukt des Data-Warehouse-Marketings, einen kleinen OLAP-Hype, ein Verfahren zur mehrdimensionalen Aufbereitung von Daten.
Dass der Data-Warehouse-Höhenflug vom anbrechenden Internet-Boom aus den Schlagzeilen verdrängt wurde, kam den Anbietern jedoch durchaus gelegen. Beim Data-Warehousing handelt es sich nämlich um ein Verfahren, das rechtlich höchst bedenklich ist. Es werden hier im Grenzbereich der Datenschutzgesetze gezielt Informationen von potenziellen Kunden gesammelt und zu Profilen verarbeitet. Hilfreich wird die Technik eingesetzt, wenn etwa die Abbuchung von einer Kreditkarte, sagen wir im Moskauer Kaufhaus Gum, verweigert wurde, weil das Karteninstitut durch andere Geschäftsvorfälle weiß, dass der Karteninhaber momentan in New York weilt. Negativ wirkt sich Data Warehousing aus, wenn etwa ein Versandkaufhaus nicht liefert, weil der Kunde in einem Viertel lebt, deren Bewohner vom Analyse-Tools als zahlungsunwillig oder -unfähig eingestuft wurde. Rechtliche Bedenken haben Warenhäuser, Banken und Versicherungen nicht gehindert, Data-Warehouses einzusetzen, sie reden nur nicht gern darüber.
Unter dem Business Intelligence (BI) feiern die oben beschriebenen Techniken fröhliche Urstände, ohne dass man sie nennen müsste. Zu den wesentlichen technischen Neuerungen gehören ein ansprechendes Web-Interface, das zudem Informationen wie Bilder, Zeitungsartikel oder Börsenticker integriert, während sich die klassischeren Verfahren auf Informationen aus Datenbanken beschränken. Den jetzigen Boom verdanken die Anbieter von Business Intelligence der wirtschaftlichen Flaute. Aus Schönwetter-Manager müssen plötzlich Krisenmanager werden. Positiv formuliert hilft Business Intelligence dabei, schwierige Entscheidungen durch eine breite Datenbasis abzusichern. Boshaft formuliert, soll Business Intelligence denen helfen, die ihrer Geschäfts-Intelligenz nicht trauen. Das Problem: auch die beste Business-Intelligence-Software kann nicht in die Zukunft blicken.